Bin ich trans? Wie sag ich das denn nur meiner Frau?

Bin ich trans?
Offen reden können und leichter damit leben

Bist du biologisch ein Mann, wobei deine Seele schon immer weiblich war? Bist du ein Mensch, der schon lange auf der Suche nach sich ist? Fragst du dich, ob du ein Transgender bist? Oder bist du dir sicher, transsexuell zu sein?

 

Du lebst aber mit einer Frau und vielleicht auch deinen Kindern zusammen und hast schreckliche Angst, sie dadurch zu verlieren? Du hast so viele Fragen rund um deine Partnerschaft, Hormone, Gutachten, Geschlechtsangleichung und weißt gar nicht, wo du anfangen sollst?

 

Ich bin seit vielen Jahren als Psychologin mit Problemen der Transidentität vertraut und gebe dir hier Möglichkeiten zur Selbstreflektion. Gerade wenn du dich schon seit geraumer Zeit im Kreis bewegst, wird dir hier klar, wie du Schritt für Schritt deinen ganz persönlichen Weg gehen kannst.

Vielleicht kommt dir das bekannt vor…

Jemand ist gerade erst wieder zu Hause eingetroffen und legt die Kleidung der Frau mit Wehmut ab. Plötzlich ein Schlüssel in der Haustür – Wieso schon so früh? Schritte nähern sich schon beim Verstecken der letzten Kleidungstücke. Hecktisch und atemlos noch schnell über das Gesicht gewischt, da öffnet sich auch schon die Zimmertür. 

 

Die Frau fragt mit weit aufgerissenen Augen: „Was ist das für Farbe an deinen Lippen?“ Sie antwortet nichts auf das gestammelte „ich hab’ doch glatt den roten Lippenstift statt dem Labello erwischt“ und verlässt kopfschüttelnd den Raum.

 

Solche und ähnliche Situationen beschreiben mir Menschen, die sich schon seit vielen Jahren von dem Gefühl verfolgt fühlen, im falschen Körper zu sein. Oder einen immer wieder auftretenden Drang verspüren, sich als Frau zu kleiden. 

 

Wenn du dich als Frau auch nur vorstellst, fühlst du dich dann ein Stück weit wie befreit? Aus Angst vor Ablehnung und Trennung hast du schon oft versucht, das zu unterdrücken? Aber der Drang, dich als Frau zu kleiden wurde immer stärker? Das Grübeln über deine mögliche Transsexualität von Mann zu Frau wurde so belastend, dass du vielleicht sogar schon mal daran gedacht hast, dein Leben zu beenden? 

Schon den Gedanken unterdrücken: Bin ich trans? Oder es akzeptieren und endlich handeln?

Du fühlst dich hin- und hergerissen, wie eine Nussschale auf hoher See? Es gab auch andere Zeiten, da warst du dir plötzlich sicher, du bist transsexuell und musst danach leben. In denen du schon drauf und dran warst, dir einfach im Internet Hormone zu besorgen. Vielleicht hast du sogar schon mal welche genommen. 

 

Dann wolltest du auch wissen, wie das mit den Gutachten für eine Geschlechtsumwandlung läuft? Welcher Arzt dir Hormone verschreiben könnte und welche Operationen nötig wären, wie das alles finanziert würde und, und, und….

 

Du warst schon als Frau draußen. Ein tolles und befreiendes Gefühl. Gleichzeitig ist da die schreckliche Angst, du könntest „erwischt“ werden. Deine Partnerin ahnt vermutlich schon etwas. Aus Angst, sie könnten stinksauer reagieren, hast du verleugnet, was du tust. Du weißt, dass es so nicht weitergehen kann. Aber was dein nächster Schritt sein könnte, das ist dir nicht klar.

Gedankenkreisen loswerden

Auf deinem Weg kommst du so tatsächlich nicht weiter. Du beschäftigst dich mit zu vielen Problemen gleichzeitig und verzettelst dich. Setze Prioritäten und deine Kraft auf den ersten Schritt. Könntest du ein Gutachten erstellen und eine Geschlechtsangleichung operativ durchführen lassen, bevor deine Familie weiß, was los ist? Sicher nicht. 

 

Deine Partnerin ist für dich eine der wichtigsten Personen in deinem Leben. Du hast schreckliche Angst, sie (und die Kinder, falls du welche hast) zu verlieren. Deshalb verheimlichst du ihr, was du tust. Du verschweigst deine tiefgründigsten Bedürfnisse und diese unangenehme Frage: Bin ich trans? 

 

Doch je länger du wartest, desto mehr Vertrauen geht verloren. Sie ahnt, dass etwas nicht stimmt. Mache dir klar, was dein Doppelleben bewirkt. Bestimmt keine erfüllende Partnerschaft oder Sicherheit für eine beständige Beziehung. Denn dazu gehört schließlich Vertrauen und Offenheit. 

 

Deine Partnerin könnte sich daher auch trennen wollen, weil du immer so distanziert bist. Sie spürt keine ausreichende Nähe mehr. Der Sex funktioniert nicht mehr. Weil sie deine fehlende Offenheit als kränkend empfindet, sich nicht wertgeschätzt fühlt und dir nicht mehr vertraut.  Du kannst also mit dem Doppelleben deine Partnerschaft retten oder sie zerstören, beides ist möglich.

„Verantwortlich ist man nicht nur für das, was man tut, sondern auch für das, was man nicht tut.“

(Laotse)

Wie du dich selbst hemmst, offen zu reden

Du wünschst dir, mit deiner Partnerin reden zu können, ohne dass sie sich trennt. Aber du findest keinen gemeinsamen Weg für dich und für deine Partnerin?

 

Du hast Angst, deine Partnerin zu verletzen, wenn du offen mit ihr sprichst? Daran trägst du keine Schuld oder Verantwortung, denn für ihre Gefühle ist sie selbst verantwortlich. Sie entscheidet, was sie daraus macht, wenn du dich damit outest, ein Transgender zu sein. Ob sie erleichtert reagiert, weil endlich Tacheles geredet wird. Dir vielleicht sagt, dass sie deinen Weg mitgeht, egal wo er für dich hinführt. Oder ob sie das z. B. als persönlichen Angriff versteht und wütend reagiert. 

 

Achte im Alltag darauf, wie unterschiedlich Menschen auf ein und die gleiche Situation reagieren. Manche werden ärgerlich, andere gelassen. Einige nutzen die Situation sogar positiv als Lernmöglichkeit und entwickeln sich weiter. 

 

Und so gibt Frauen, die sich trotz einer Geschlechtsangleichung für die Beziehung entscheiden und den Weg gemeinsam weitergehen. Andere trennen sich, manche brechen sogar den Kontakt komplett ab.

 

Für die eigenen Gefühle ist immer diejenige Person verantwortlich, welche diese Empfindungen verspürt. Außer natürlich im Falle eines absichtlichen Verletzungswunsches, aber davon kann hier ja überhaupt nicht die Rede sein.

 

Du denkst, keine Entscheidung treffen zu können, weil du befürchtest, die Reaktion deiner Partnerin nicht verkraften zu können? Das sind ungelegte Eier, über die du dir Gedanken machst! 

Gedankenkreisen loswerden

Wichtiger als dieses Grübeln ist, dass du Menschen hast, die dich in dieser schweren Zeit unterstützen. Freunde, Bekannte, vielleicht eine Selbsthilfe-Gruppe für Transsexuelle und eine Therapeutin, die dich neutral begleitet, wo auch immer dich auch dein Weg hinführt.

Wie du deinen eigenen Weg findest

Und eine Entscheidung triffst du immer. Welche das ist und wie du sie bewusster triffst, kannst du mit der „Tetralemma“-Methode aus der systemischen Therapie herausfinden. Nimm dir dazu einen Stift und 5 Blätter Papier. Notiere als Überschrift deine 5 Wahlmöglichkeiten. Auf jedes Blatt ein mögliches Ziel. 

 

Ich gebe dir hier Beispiele, welche das sein könnten. Finde aber deine eigenen, denn schließlich könntest du sie persönlich ganz anders nennen.

 

  1. Entweder: z. B. nur noch im Männerkörper und mit Männerkleidung leben
  2. Oder: z. B. nur noch als Frau auftreten mit Anpassung deines Körpers und deiner Kleidung an dein geschlechtliches Empfinden
  3. Sowohl – als auch: z. B. Doppelleben führen – offiziell als Mann und heimlich zeitweise als Frau
  4. Weder – noch: z. B. als Frau kleiden ohne Geschlechtsumwandlung
  5. Etwas ganz anderes: z. B. sich von der Geschlechtszugehörigkeit freisprechen

 

Du fragst dich, weshalb es 5 sein sollen? Weil nur 1 Möglichkeit einem Zwang entspricht. Bei 2 steckst du in einem Dilemma. Das Wort kommt nämlich aus dem Griechischen: die Silbe „Di“ steht für die Zahl zwei. 

 

Erst ab 3 Möglichkeiten hast du also überhaupt eine Wahl. Wirkliche Wahlfreiheit entwickelst du bei noch größerer Anzahl von Alternativen. Befreie dich also durch die Auseinandersetzung mit 5 verschiedenen Optionen. Deshalb heißt die Selbsterfahrungsmethode Tetralemma, denn „Tetra“ steht im Griechischen für die Zahl fünf.

 

Nun fülle jedes Blatt mit der Beantwortung folgender Fragen:

 

  • Welche Bedingungen müssten erfüllt sein, um dich für die jeweilige Option zu entscheiden? Achte dabei darauf, keine Bedingungen zu notieren, die du nicht selbst erfüllen kannst. Bleib bei dir! Denn nur alles, worauf du selbst Einfluss hast, gehört hier hin. Diese Aussage passt also nicht: „Meine Partnerin will mit mir zusammenbleiben“. Schließlich kannst du sie nicht festketten. Du kannst aber vielleicht stattdessen notieren: „Ich bin bereit, mich mit einer evtl. möglichen Trennung auseinanderzusetzen.“
  • Welche Gefühle werden in dir ausgelöst, wenn du dich für diese Möglichkeit entscheiden würdest?
  • Was wäre der Gewinn, den du von dieser Entscheidung hättest?
  • Was wäre der Verlust, den du erleiden würdest, wenn du dich für diese Möglichkeit entscheidest?

 

Frage dich nun zum Schluss auch, wie lange du dir vorstellen kannst, mit der Entscheidung zu leben, für die du aktuell eher tendierst. Noch 1, 2, 3 Jahre? Oder ein Jahrzehnt, vielleicht sogar mehr?

Fazit: Deine nächsten Schritte – wie du das jetzt umsetzen kannst

Mache jetzt direkt schriftlich diese Selbsterfahrungsübung. Oder lege dir dafür jetzt einen Zeitpunkt fest, wann du das in Ruhe und ungestört machen kannst. 


Finde Unterstützer für diese schwierige Zeit: Frage sie nicht: „Bin ich trans?“ Das kannst du nur selbst herausfinden. Aber überlege dir, mit wem du aus dem Freundes- und Bekanntenkreis über deine Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse sprechen kannst. Verabrede dich am besten direkt, um den passenden Raum und die angemessene Zeit für ein solches Gespräch zu schaffen.


Prüfe, ob du weitere Unterstützung finden kannst: Suche im Internet z. B. nach einer Selbsthilfegruppe, einer Transsexuellen-Beratungsstelle oder einer therapeutisch tätigen Person, die sich mit dem Thema auskennt. 


Prüfe, ob mein Online-Kurs „Glücksfinder“ dir helfen könnte, die Herausforderungen in deiner Partnerschaft gut zu überstehen. Der Kurs ist speziell für Menschen erstellt, die sich in einer Beziehungskrise befinden oder sich mit dem Thema Trennung auseinandersetzen. Hier gibt es die Infos zum Kurs. 

Viele gute Erfahrungen dabei wünscht dir 

 

Petra Ahrweiler

 

P.S.: Was hat dich beim Lesen nachdenklich gemacht? Ich freue mich auf deinen Kommentar hier unten drunter. Dein Kommentar erscheint erst, nachdem ich ihn freigeschaltet habe, weil es hier in der Vergangenheit leider auch schon mal Spam gab.

Meine folgenden Artikel können für dich ebenfalls interessant sein:


Wenn du mehr Inspiration und Motivationshilfe haben möchtest, dann abonniere doch meinen Newsletter. Du bekommst ca. einmal monatlich meine neuen Artikel und Neuigkeiten aus meiner Praxis, die es exklusiv nur für Abonnenten gibt. Hier kannst du dich dazu anmelden:

Deine Daten werden zum Versand, zur Optimierung und Statistik gespeichert. Mehr Informationen dazu und zu deinen Möglichkeiten des Widerrufs erhältst in meiner Datenschutzerklärung. Du kannst den Newsletter jederzeit auch per Klick abbestellen. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0